AdventsZeit 2018

32 D er Blick aus Oliver Vogts Büro im vierten Stock eines Gebäudes in der Kölner Innenstadt kann kaum schöner sein: Wohin Vogt auch schaut – überall sieht er in die Kronen uralter Bäume. „Wenn schon der Job so schwierig ist, dann kann wenigstens die Aussicht aus dem Fenster etwas Besonderes sein“, sagt der 48-Jährige mit ernster Stimme. Der gelernte Sozialarbeiter ist der Interventionsbeauftragte des Erzbistums Köln. Auf seinem Schreibtisch landen alle Vorgänge, die mit sexuellem Missbrauch, sexueller Gewalt und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch kirchliche Mitarbeiter in Zusammenhang stehen. Sobald irgendwo ein Verdacht auf einen derartigen Vorfall auftaucht, wird und muss Vogt unmittelbar eingeschaltet werden. „Wir reagieren bei jedem Vorwurf sofort.Als erstes werden die Beschuldigten sicherheitshalber frei- gestellt und dann im Beisein externer Fachleute, das sind Juristen und Psychologen, mit den Vorwürfen konfrontiert und angehört. Und genauso wichtig: die Sorge um die Betroffenen und die Organisation von Hilfs- möglichkeiten für sie“, erklärt Vogt. Einmalig in Deutschland Dieses strikte Vorgehen gilt seit 2010. Damals wurden die Richtlinien noch weiter verschärft als Reaktion auf die Vorfälle, durch die das Thema des sexuellen Missbrauchs durch Priester und kirchliche Mitar- beiter verstärkt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit drang. Außerdem wurde Vogt mit dem Aufbau einer Organisation zur Prävention, das heißt zur Vorbeugung und Verhinderung solcher Straftaten, beauftragt. Zuvor war er viele Jahre in der Jugendabteilung des Erzbischöflichen Generalvikariates für den Kinder- und Jugendschutz zuständig. Mit der Aufteilung der Abteilung in die Bereiche „Prävention“ und „Interventi- on“ zum 1. Juli 2015 wurde Vogt zum Leiter der Stabsstelle Interventi- on, die unmittelbar dem Generalvikar unterstellt ist. Diese Aufteilung in die beiden Bereiche ist bislang deutschlandweit einmalig. Heute ist die Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat viele Menschen sehr betroffen gemacht. Oliver Vogt ist Interventionsbeauftragter im Erzbistum Köln und kümmert sich unter anderem um Fälle von Missbrauch und sexualisierter Gewalt. Von Robert Boecker Prävention zentraler Bestandteil aller Abläufe der Kirche. So muss bei- spielsweise jeder kirchliche Mitarbeiter eine Präventionsschulung durch Experten durchlaufen, um danach in seinem beruflichen – und privaten – Umfeld für die Wahrnehmung von sexualisierter Gewalt und Miss- brauch sensibilisiert zu sein. Vogt und seine Mitarbeiterin in der Inter- ventionsstelle bekommen den „Erfolg“ der Präventionsarbeit immer stärker zu spüren. „Aufgrund der gestiegenen Sensibilität der Men- schen für Missbrauch, Gewalt und mögliche Grenzüberschreitungen werden uns, beziehungsweise den externen Ansprechpartnern, deren Kontaktdaten auf der Internetseite des Erzbistums zu finden sind, viele „Es wurde nachweislich vertuscht, weil man den Ruf der Institution über das Wohl des Einzelnen gestellt hat. Wo in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden, werden wir die Verantwortlichkeiten aufarbeiten“ Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln www.mehr-auszeit.de Fälle gemeldet, denen wir nachgehen.“ Vogt und das Team aus exter- nen Beraterinnen und Beratern haben es aber nicht alleine mit aktu- ellen Fällen zu tun. Es würden sich auch Menschen an die Interventionsstelle wenden, die in der Vergangenheit durch Priester, Diakone und sonstige kirchliche Mitarbeiter missbraucht, miss- handelt oder gedemütigt worden seien, so Vogt. „Es ist immer wieder zutiefst erschütternd“

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