AdventsZeit 2021

9 www.mehr-auszeit.de Danke für alles Die Jahrhundertflut im Juli hat Menschen getötet, Existenzen vernichtet, Leid und viel Trauer gebracht. Aber auch die Erkenntnis: Es gibt noch Anteilnahme, Hilfsbereitschaft und ein großes soziales Miteinander in unserer Gesellschaft. Geschenkte Schuhe Nach den ganzen Horrorgeschichten, die man rund um die Flutkatastrophe hört, möchte ich, obwohl auch meine Frau und ich nur knapp mit dem Leben davongekommen sind, eine positive Geschichte erzählen, die mich immer noch sehr bewegt. Durch die Flut in Bad Münstereifel ist mir nur ein Paar Schuhe geblieben, nämlich das, was ich an den Füßen getragen habe. Nach drei oder vier Tagen, an denen ich nur funktioniert habe − ich kann es nicht mehr genau sagen, da die Tage wie ein Film an mir vorbeigezogen sind −, lösten sich diese Schuhe in ihre Einzelteile auf. Die Sohle ging ab, da ich die ganze Zeit in Wasser und Schlamm gestanden habe. Ich bin daraufhin mit meiner Frau zur Sporthalle hier im Ort gegangen, in der auch die Kleiderkam- mer untergebracht war. Dort suchte ich nach Schuhen in meiner Größe. Hun- derte gespendeter Paare gab es dort, doch leider keines in meiner Größe. 48/49 ist halt keine übliche Schuhgröße. Nachdem ich enttäuscht die Halle mit mei- nen kaputten und völlig durchnässten Schuhen verlassen hatte, kam ein jun- ger Bundeswehrsoldat hinter mir her und sprach mich an: „Ich habe gehört, dass du keine passenden Schuhe gefunden hast. Ich glaube, wir haben die gleiche Größe: 49.“ Daraufhin zog der junge Mann seine Schuhe aus und drückte sie mir in die Hand mit denWorten: „Hier, nimm die Bundeswehrstie- fel von mir, ich kann gleich auch auf Strümpfen nach Hause fahren.“ Das ist nur eine von sehr vielen Gesten der Menschlichkeit, die mir in der sehr schwie- rigen Zeit widerfahren sind. Wir sind keine nur egoistische Gesellschaft. Das Einzige, was mich sehr traurig macht, ist, dass ich es versäumt habe, nach dem Namen des Soldaten zu fragen, denn ich würde mich sehr gerne noch mal bei ihm bedanken. Dirk Kälble Alarm mit Glocken Normalerweise erklingt die Kirchenglocke des Steinhausklosters nur bei Tod und Taufe. Doch in der Flutnacht war das Bruder Dirk, dem letzten Mönch des Kreuzherren-Klosters in Wuppertal-Beyenburg, egal. Die Menschen in Wuppertal-Beyenburg mussten schnellstmöglich vor den eindringenden Flutmassen gewarnt werden. „Wenn um halb zehn amAbend die Glocken läuten, sind alle in Alarmbereitschaft, das ist klar. Mir blieb deshalb keine andereWahl, als Sturm zu läuten“, sagt Bruder Dirk. Er sah es als seine Pflicht an, die Menschen zu warnen, „geleitet von der Sorge um meine Mitbürger“, sagt der ausgebildete Krankenpfleger. Viele im Stadtteil hatten von der Flut nichts mitbe- kommen, einige hatten sogar schon geschlafen und wurden dank des Glockenläutens geweckt. Bruder Dirks Geistesblitz verhinderte viele Katastrophen, dies war nach der Flutnacht schnell klar. Denn dieWupper-Talsperre drohte zu brechen, die Schleusen mussten geöffnet werden. Durch Bruder Dirks Glockenläuten konnten viele ihr Hab und Gut noch in Sicherheit bringen. „Sie haben uns gerettet“, dankten dem Ordensbruder nicht wenige. Der aber winkt ab, als Held sieht er sich nicht gerne. Jetzt gehe es darum, dass die Menschen in Beyenburg zusammenhielten und ihre Stadt wiederaufbauten. „Wichtig ist, dass wir alle anpacken und unser schönes bergisches Fachwerk wieder flottmachen.“ Aufgezeichnet von Emma Adolphs Mit Rad und Bollerwagen Nie hätte ich gedacht, dass das kleine beschauliche Flüsschen Erft und der noch klei- nere Mühlenbach zu reißenden Strömen werden und solche Schäden anrichten können. Seitdem ist für viele Menschen in Erftstadt-Blessem nichts mehr wie vorher. Viele Hel- ferinnen und Helfer haben sich auf nach Erftstadt gemacht, in Arbeitskleidung, mit Schaufeln, Hacken und Schubkarren, um mit anzupacken, tatkräftig und mit vollem Einsatz. Andere haben Suppe und Kaffee gekocht, Brötchen geschmiert und Kuchen gebacken, sind mit dem Bollerwagen durch die Orte gezogen, um die Betroffenen zu versorgen. Da war Frank, der seinen Urlaub geopfert hat und jeden Tag am Infopoint stand, um für Hilfesuchende da zu sein, Unterstützung zu koordinieren und Maschinen zu vermitteln. Sonja und Rolf und viele andere, selbst den Keller voller Wasser in Blessem, waren von morgens bis abends präsent, um zu helfen. Die Schicksale machen mich traurig: die alten Menschen, die hofften, bis zu ihrem Ende in ihrem Haus wohnen zu bleiben, die Familien, deren Häuser abgerissen werden mussten, die vielen, die notdürftig Unterschlupf fanden und jetzt merken, das ist für länger. Ich leide mit denen, die finanziell am Ende sind, die keine Elementarversicherung haben, deren Sorgen übergroß sind. Auf der anderen Seite bin mehr als dankbar für die ökumenische Zusammenarbeit mit den Kollegen. Da waren Sorge, Empathie und Verlässlichkeit spürbar. Dankbar bin ich auch für die vielen Notfallseelsorger, die vor Ort Sorge und Angst der Menschen teilten. Birgit Barthmann Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Erftstadt-Ville 8 www.mehr-auszeit.de Spontane Hilfe Sieben Tage nach der Flut durften wir wieder unser Dorf betreten und in unsere Häuser rein. Anfangs war es uns nur erlaubt, uns von 6 bis 22 Uhr abends im Haus aufzuhalten, und die Anzahl der Helfer war begrenzt. Zum Glück hat die Stadt Erftstadt dann aber schnell grünes Licht für weitere Helfer gegeben, sodass sich viele Engagierte aus ganz Deutschland auf den Weg zu uns nach Blessem gemacht haben. Es war unbeschreiblich, wie viele fremde Men- schen bereit waren, uns zu helfen: Privatpersonen, die Bundeswehr – alle waren hier. Wir hatten das Glück, dass Familie, Freunde und Arbeitskollegen uns geholfen haben, denn wir sind mit zwei Häusern betroffen. Das eine gehört meiner Schwiegermutter, in dem ande- ren leben wir vier plus Hund. Der Schaden ist bei ihr viel größer als erwartet. Ihr Haus liegt tiefer als unseres, da war nichts mehr zu retten. Eines Tages standen zwei nette, mir völlig unbekannte Damen vor unserer Tür. Beide waren in Arbeitskleidung angezogen, und ohne sich großartig vorzustellen, fragten sie mit einem Lächeln: „Gibt es hier vielleicht eine Küche abzubauen?“ Die gab es bei Schwiegermama, und sie war nicht klein. Schränke und Schub- laden waren noch voller Geschirr und Besteck, verschmutzt mit Schlamm und Wasser. Aber die beiden Helferinnen haben mit mir und zwei anderen Freundinnen die Küche leer geräumt und sie dann allein abmontiert. Das dauerte über eine Stunde. Wir haben alle gestaunt und waren sehr dankbar. Wir haben noch was zusammen getrunken, und so schnell, wie sie da waren, waren sie auch wieder weg. Ab zum nächsten Haus. Gisa Bendermacher Foto: Martin Mölder Foto: Martin Mölder Wir suchen Sollte der Spender der Schuhe sich melden oder es jemanden geben, der ihn kennt, vermitteln wir gerne den Kontakt zu Herrn Kälble.

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