SommerZeit 2019

E in großer Mann spielt mit Handpuppen und ver- schenkt Schokoladenigel. Für Ruth Habeland war das als Kind der Inbegriff des Bösen. Verstörend habe der Schwarzweißfilm „Es geschah am hellichten Tag“ (1958) mit Gert Fröbe in der Rolle des Kindsmörders auf sie gewirkt. Doch immerhin: Nachdem sie den Streifen gesehen habe, sei ihr Weltbild klar abgesteckt gewesen. „Nimm die Beine in die Hand, wenn du so einen bösen Mann siehst.“ Heute ist sie über 40, arbeitet als Therapeutin mit Sexualstraftätern und hätte Bauchschmer- zen, nur vor Männern mit Schokolade zu warnen. Schulungen sind Pflicht Habeland, die auch in Schulen und Vereinen Fortbildungen zum Thema sexualisierte Gewalt hält, steht als Coach im Tagungsraum des Gene- ralvikariats, der Blick geht auf den Kölner Hauptbahnhof. Die Teilneh- mer ihrer Präventionsschulung haben sich den Termin nicht ausgesucht. Nicht nur einzelne, sondern alle Mitarbeiter des Erzbistums Köln – von der Sekretärin über die Kindergärtnerin, vom Kunsthistoriker bis zum Medienbeauftragten – sollen sich mit Missbrauch, Kindeswohlgefähr- dung, Täterstrategien oder der sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen befassen. In einem ihrer regelmäßigen Seminare hörte auch Kardinal Rainer MariaWoelki Habeland zu. Die Teilnehmer erhalten Von Jan Sting Augen auf – hinsehen und schützen Prävention von sexualisierter Gewalt wird im Erzbistum Köln in vielfältiger Art und Weise durchgeführt – nicht erst seit den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen. So werden alle Mitarbeiter speziell geschult. Das Coaching ist Pflicht. ein Zertifikat, unterschreiben eine Selbstverpflichtungserklärung. Alle fünf Jahre wird das erweiterte Führungszeugnis der Kirchenmitarbeiter, aber auch vieler Referenten und Ehrenamtlicher aktualisiert. Seminarteilneh- merin Gabriele Bernd, die in der Rechtsabteilung arbeitet, ist neugierig auf den Praxisbezug: „Ich verspreche mir, hier einen Hand- lungsleitfaden zu bekommen. Ich will die Signale der Opfer besser erken- nen können.“ Anderen Teilnehmern kommt das Thema zu den Ohren raus: Angesichts immer neu aufgedeckter Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche ermüden Fragen wie: „Du arbeitest doch bei dem Laden, wie hältst du es da überhaupt noch aus?“ Gefahren erkennen Viele Fallbeispiele zeigen, wie schwer es mitunter ist, sexualisierte Gewalt überhaupt zu erkennen. Unter dem Motto „Augen auf – hinsehen & schützen“ will die Prävention im Erzbistum für die vielen Erscheinungs- 34 www.mehr-auszeit.de

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