SommerZeit 2020

38 www.mehr-auszeit.de Die katholische Schwangerschaftsberatung esperanza im Erzbistum Köln ist Seismograf für gesellschaftliche Notlagen – und Rettungsanker für werdende Mütter und Väter mit oft existenziellen Problemen. Von Markus Harmann K atharina Henkel erwartet ihr erstes Kind. Die Schwan- gerschaft, erzählt sie, laufe völlig problemlos. „Dem Baby geht’s gut, ich freue mich riesig.“ In wenigen Wochen soll es zur Welt kommen. Dass sie und ihr Part- ner trotzdem Hilfe brauchen würden, damit hätte sie noch vor wenigen Monaten nicht gerechnet. Doch dann verlor sie ihren Job in der Gastronomie, nach mehr als 18 Jahren. Schwanger und arbeitslos – das passte nicht zusammen. So ein Kind sei ganz schön teuer, warnten Freunde. Bettchen, Wickeltisch, Strampler, Windeln ... „Wie sollte ich das finanziell stemmen? Für mich brach eine Welt zusammen. Ich war echt verzweifelt“, sagt die 36-jährige Düssel- dorferin. „Ein schreckliches Gefühl.“ Sie wandte sich an die Caritas in ihrer Heimatstadt, und die vermittelte die werdende Mutter an die Schwangerschaftsberatung esperanza des Sozialdienstes katholischer Frauen und Männer (SkFM). Bettina Stotko leitet die esperanza-Bera- tungsstelle seit gut einem Jahr. Sie berät viele Frauen, die wie Katha- rina Henkel nicht weiterwissen, weil das Geld plötzlich nicht mehr reicht. „Dass gerade werdende Mütter in dieser Phase sehr sensibel auf Veränderungen ihres Umfeldes reagieren und oft verzweifelt sind, ist doch völlig nachvollziehbar“, sagt Stotko. „Leider birgt eine Fami- liengründung noch immer ein Armutsrisiko. Existenzängste können eine Schwangerschaft sehr belasten.“ Es gehe in den Beratungsge- sprächen also häufig erst einmal darum, die Frauen aufzubauen, ihnen Perspektiven aufzuzeigen und Hoffnung zu geben. Hoffnung für viele „Esperanza“, das ist Spanisch und bedeutet Hoffnung, war im Jahr 2000 vom damaligen Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner ins Leben gerufen worden, nachdem die katholische Kirche in Deutschland auf Weisung von Johannes Paul II. aus dem staatlichen System der Konfliktberatung ausgestiegen war. Der damalige Papst sah durch den Seit 20 Jahren guter Hoffnung Beratungsschein – Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung – das kirchliche Zeugnis für den sogenannten Lebensschutz „verdunkelt“. Esperanza stellt im Gegensatz zu anderen Beratungsstellen diesen Schein nicht aus, trotzdem kommen Frauen und auch Männer in die heute 36 Beratungsstellen im Erzbistum Köln – und zwar von Jahr zu Jahr mehr. Sie melden sich mit persönlichen Konflikten, weil die Frauen ungewollt schwanger wurden und nicht wissen, ob sie ihr Kind bekommen wollen; sie sind minderjährig (2019 ließen sich 180 Schwangere unter 18 Jahren beraten) und haben ihre Schule noch nicht beendet; sie sind psychisch überfordert oder haben Fragen, weil sie Angst vor einer Behinderung ihres Kindes haben. Es sind dann Menschen wie Bettina Stotko, die den Frauen Auswege aus der persönlichen Sackgasse zeigen. Rund 60 Bera- terinnen und Berater sind unter dem Dach von esperanza für die Frauen und ihre Familien da. Von den 9062 Männern und Frauen, die bistums- weit 2019 eine Beratungsstelle aufsuchten, hatten mehr als 58 Prozent einen Migrationshintergrund oder ausländischen Pass. „Hier ging es dann oft um finanzielle Hilfe, etwa für eine Baby-Erstausstattung, und einen Zehn Jahre esperanza: In Düsseldorf kamen 2010 dafür Beraterinnen und Berater sowie Menschen aus Politik und Kirche zusammen. Der damalige Kölner Kardinal Joachim Meisner zelebrierte mit ihnen einen Dankgottesdienst. Im Bild neben Kardinal Meisner: Silvia Florian und Christa Pesch , beide waren lange als Referentinnen für esperanza im Erzbistum Köln verantwortlich. Foto: Diözesan-Caritasverband Köln

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