SommerZeit 2021

36 D er 31. Dezember 1946 ist ein bitterkalter Wintertag. Köln ist weitgehend zerstört. Die Menschen leiden. Nahrung und Brennstoffe sind knapp. In dieser Situa- tion hält der Kölner Erzbischof Kardinal Josef Frings in der Kirche St. Engelbert im Stadtteil Riehl eine Predigt, die in die Geschichtsbücher eingehen wird: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhal- tung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann“ , sagt der Kardinal und trägt damit zu einer neuen Wortschöpfung bei, die als „fringsen“ Eingang in den Sprachschatz findet. Im vierten Untergeschoss des Historischen Archivs des Erzbistums in der Kölner Gereonstraße holt Dr. Joachim Oepen aus einem Regal einen grauen Kar- ton mit der Signatur CR II 2.18g,1 heraus. Der stellvertretende Leiter des Archivs öffnet ihn und entnimmt vorsichtig ein Manuskript. „Dies ist das Original der berühmten Silvesterpredigt“, sagt der Historiker und Archivar. Auffällig sind die vielen Korrekturen und Ergänzungen. Insbesondere die Passage, die das „Fringsen“ legitimiert, hat Frings wohl im Bewusstsein der Folgen seiner Aussagen mehrfach verändert. „Dies ist eine sehr wichtige Quelle für die unmittelbare Nachkriegsgeschichte. Die Stimme von Frings wurde in ganz Deutschland gehört, und seine Predigt verbreitete sich in Windeseile“, betont Oepen, während er das Schriftstück in den Karton zurücklegt und diesen an seinen Platz im Regal schiebt. Vor 100 Jahren wurde das Historische Archiv des Erzbistums Köln gegründet. Nicht nur Schriftdoku- mente lagern dort gut geschützt, sondern auch Siegelabdrücke, Fotos, Disketten – und die wohl berühmteste Predigt eines Kölner Kardinals. Das Originalmanuskript der berühmten Silvesterpredigt von Kardinal Frings. Von Robert Boecker www.mehr-auszeit.de 37 Dokumente für die Nachwelt erhalten Das Original der „Frings-Predigt“ ist nur eines von Hunderttausenden Dokumenten, die in den mehr als 15 Regalkilometern lagern, die in dem 2006 durch einen Anbau erweiterten Archiv darauf warten, gefüllt zu werden. „Mindestens mehrere Jahrzehnte sollte der zur Verfügung ste- hende Raum ausreichen, um Jahr für Jahr das Gedächtnis des Erzbistums Köln zu erweitern“, sagt Archivdirektor Dr. Ulrich Helbach. 2021 sind es genau 100 Jahre, dass der damalige Erzbischof Schulte das Archiv begründete. Er setzte – mit vierjähriger Verspätung – eine Bestimmung des Kirchenrechts um, wonach jeder Bischof an einem „sicheren und zweckmäßigen Ort“ ein Diözesanarchiv einrichten sollte. „Ob wir das Jubiläum wie geplant feiern können, das wird sich angesichts der Coro- na-Pandemie in Kürze herausstellen“, sagt Helbach. Gerne würden er und sein Team diese Gelegenheit nutzen, das Archiv und seine Aufgaben der Öffentlichkeit nahezubringen. Mit Eifer machte sich der erste Archivdirektor FriedrichWilhelm Lohmann, ein Historiker und Priester, an die Arbeit. Er überführt die jahrhunderteal- ten Bestände der Kölner Innenstadtpfarreien in das neue Archiv. In dem neuen Haus werden die Schätze erfasst, erschlossen und sicher gelagert. Keine zweieinhalb Jahrzehnte später sollten sich Lohmanns Bemühungen um die Zeugnisse aus der Vergangenheit als Glücksfall erweisen. Recht- zeitig vor der Zerstörung der Stadt im Bombenkrieg werden die Archiva- lien in Sicherheit gebracht. Ausgelagert auf Schlössern in Westfalen, überstehen die Urkunden – die älteste ist aus dem Jahr 942 – , Kirchen- bücher und andere wichtige Quellen den Krieg unbeschadet. Vollständig vernichtet wird dagegen das Archiv der Kölner Pfarrei St. Mauritius. Dort tat man sich wohl schwer damit, den historischen Bestand aus der Hand zu geben. Dienst für die Forschung Freute sich der erste Archivdirektor noch über die jährliche Erweiterung der Bestände, so ist 100 Jahre nach der Gründung genau diese eine große Herausforderung für Helbach und sein engagiertes Team. „Es sind nicht nur die vielen Tausend Akten aus der kirchlichen Verwaltung im Generalvikariat, die Jahr für Jahr zu uns kommen. Auch für andere kirch- liche Institutionen, die auf dem Gebiet des Erzbistums Köln beheimatet sind, archivieren wir die Akten. Die deutsche Bischofskonferenz oder vielleicht bald das Zentralkomitee der deutschen Katholiken mit Sitz in Bonn sind dafür nur zwei Beispiele“, hebt Helbach die weit über das Erzbistum hinausgehende Bedeutung des Archivs hervor. Zu entschei- den, was archiviert werden soll, zählt zu den wichtigen Arbeiten eines Archivars. Bisweilen seien nur zehn Prozent des in vielen Kartons ange- lieferten Materials würdig, ins Archiv zu kommen, betont der Direktor. Viele „Schätze“ atmen den Geist vergangener Jahrhunderte. Diese der Forschung und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist eine weitere wichtige Aufgabe der Archivare. Der größte Wert der im Das kilometerlange Gedächtnis www.mehr-auszeit.de Dr. Joachim Oepen mit der ältesten Urkunde von 942. In mehr als 15 Regalkilometern lagern Hunderttausende Dokumente. Archivalien aus verschiedenen Jahrhunderten. Deutlich erkennt man die Verfärbungen auf dem unteren Foto. Sie stammen von säurehaltigem Papier, das als Lesezeichen eingelegt war.

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