SommerZeit 2021

42 www.mehr-auszeit.de L eben geht nur im Jetzt. Glücklich sein auch. Zuversicht gibt’s weder auf Vorrat noch auf Kredit. In jeder Minute muss ich hart darum ringen – besonders wenn ich Angst habe vor dem, was kommt. Ganz gleich, ob ich das Kommende fürchte oder ersehne, leben kann ich nur im Hier und Jetzt. Aber das ist meine Chance. Dass die Zukunft immer schon im Jetzt liegt, konnte ich in Köln neu lernen. Die Kunst-Station Sankt Peter im Herzen der Kölner Innenstadt wurde mir zur Schule anderen Sehens. Als Seelsorger habe ich an dieser Kirche nichts anderes zu tun, als in diesem wunderbaren Raum einen Freiraum für Gott und für die Kunst auf der Höhe der Zeit zu ermöglichen. Es geht um eine Leere, in der Glaube und Kunst die Sinne schärfen, damit Menschen, die nach Gott suchen, die Kunst lieben, aber auch Drogenabhängige oder Geflüchtete, die hier Hilfe erfahren, wahrnehmen können, dass die Zukunft schon da ist, obwohl wir nicht darüber verfügen. Ich denke dabei an Rikuo Ueda aus Japan. Ein Maler, der keine Bilder malt. Rikuo fängt Bilder ein, die buchstäblich in der Luft liegen. Er befestigt feine Tuschepinsel an Ästen von Bäumen und Büschen und dazu ein Blatt Papier. Wenn derWind dann durch die Blätter streicht, bewegt er auch den fixierten Pinsel. Ein Bild entsteht, hingeweht vom leichten Hauch in dünnen Strichen bis zu kraftvollen Linien im Sturm. Ein „nicht von Menschenhand gemaltes Bild“ zeigt, dass etwas schon da ist, was auf uns zukommt, wie die Zukunft. Wir haben es nicht in der Hand, aber wir können es annehmen. Das Lebensgefühl, dass diese Zukunft immer schon im Kommen ist, packt der Rheinländer lapidar in die Formel: „Et kütt, wie et kütt.“ Resignativ klingt anders. Dass das, was da kommt, immer schon in der Gegenwart wurzelt, ist auch bei Tony Matelli in Sankt Peter zu entdecken. Der ameri- kanische Künstler bildet Pflanzen kunstvoll und lebensecht in Bronze nach: einfache Pflanzen, Unkräuter amWegesrand, formvollendet und hyperreal. Die Realität der wenig beachteten Blume in einer Ecke weist über die Wirklichkeit, die ich sehe, hinaus. Die blühende Pflanze ist schön um ihrer selbst willen. Sie verweist auf die Schönheit an sich, auf das ganze Glück und diese unglaubliche Verschwendung von Fruchtbarkeit und Anmut. Diese völlig zweckfreie Schönheit wohnt allem Leben inne. Daran erinnern Blumen und werden so zum Zeichen für den Durchbruch aus dem Grau der Realität in eine farbige Zukunft, die jetzt beginnt: „Ich bat den Mandel- baum imWinter: ‚Erzähle mir von Gott.‘ Darauf fing er an zu blühen.“ Wenn es gelingt, in der Gegenwart, so herausfordernd oder so trist sie auch sein mag, Momente zu leben, Menschen zu entdecken, die zu blühen anfangen, dann bricht Zukunft an. Das kann durch die voraussetzungslose Offenheit für Kunst und Glauben an Sankt Peter erlebt werden. Zukunft bleibt immer unverfügbar und ist nie machbar, aber wenn die Gegenwart manchmal zu blühen beginnt, (er-)lebe ich im Jetzt schon, was kommt.  Stephan Ch. Kessler SJ , Jesuitenpater, Seelsorger an der Kunst-Station Sankt Peter Köln, einem Zentrum für konsequente Gegenwärtigkeit in Kunst und Pastoral. Zukunft ist, wenn die Gegenwart zu blühen beginnt Von Stephan Kessler Impuls Trotz Pandemie wird in vielen Gemeinden des Erzbistums Erstkommunion gefeiert, wenn auch anders und in kleinerem Rah- men. Florian ist dieses Jahr mit zur Kom- munion gegangen, Irma und Franz werden in diesem Monat dieses Sakrament emp- fangen. Die drei Neunjährigen haben als Kinderreporter für die SommerZeit vor ihrer Kirche St. Georg in Köln-Weiß Diakon Tobias Wiegelmann interviewt. 43 Hier bekommen Sie Anregungen, Hilfe und Infos zur Kommunionvorbereitung – und können sich einer „Bibel Challenge“ stellen: www.mehr-auszeit.de/kommunion www.mehr-auszeit.de Tobias Wiegelmann stellt sich den Fragen der Kinderreporter. Wie kann Jesus in dem Brot sein? Was bedeutet das Wort Kommunion? Kommunion kommt von „communio“. Das ist ein lateinisches Wort und heißt Gemeinschaft. Und genau das erleben wir ja, wenn wir das große Brot in viele kleine Stücke aufteilen, damit jeder etwas davon bekommt. Warum feiern wir eigentlich das Fest Kommunion? Jesus hat zweimal das Brot geteilt. Einmal mit seinen Jüngern am Gründonnerstag, aber auch noch mal nach seiner Auferstehung. Ihr kennt die Emmaus-Geschichte von Jesus, in der er mit zwei Freunden unterwegs war, die ihn aber zuerst nicht erkannt haben? Beim Abend- essen hat er das Brot auch mit ihnen geteilt, und in dem Moment haben sie Jesus erkannt. Genau daran erinnert die Kommunion. Der Pfarrer sagt immer „ der Leib Christi “ , wenn er die Hostie hochhält. Wie kann Jesus in dem kleinen Brot sein? Wie kommt der Jesus da in das Brot rein? Das ist auf den ersten Blick echt komisch. Das würde ja bedeuten, wir machen irgendeine Zauberei. Also wir haben da so ein Brot, und dann sagen wir einen Spruch und zaubern was, und dann kommt Jesus da rein. So ist das natürlich nicht gemeint. Ich glaube aber, dass Gott sowieso schon überall drin ist, in der Natur, unserer Schöpfung, in allem, was wir sehen. Eigentlich kann ich Gott immer wieder entdecken, und auch in diesem Brot mache ich mir das ganz besonders bewusst. Deswe- gen sagen wir: „Das ist der Leib Christi.“ Im Grunde verändert sich etwas bei uns und nicht in dem Brot. Warum tragen zur Kommunion Mädchen wei ß e Kleider? Du hattest vor deiner Kommunion schon einmal ein weißes Kleid an, oder? Ja, bei der Taufe. Genau, und bei deiner Hochzeit wirst du wahrscheinlich auch wie- der eins tragen. Übrigens: Auch der Pastor, der Diakon und der Bischof tragen unter den ganzen bunten Sachen ein weißes Kleid. Dieses weiße Kleid ist ein Zeichen dafür, dass du vollkommen ohne Flecken bist. Vielleicht hast du schon mal gehört, wenn man sagt, jemand hat eine „weiße Weste“. Das heißt, die oder der hat noch keinen Blödsinn gemacht – oder wie die Erwachsenen sagen, noch keine Sünden begangen. Warum bekommt man denn Geschenke zur Kommunion? Das Schöne an diesen Geschenken ist, und das müssen ja nicht unbe- dingt viele und große Geschenke sein, dass auf diese Art noch einmal das, was wir eben mit „communio“, mit „Gemeinschaft,“ bezeichnet haben, ausgedrückt wird. Durch die Geschenke und auch die vielen Karten merkt ihr, wie viele Menschen an diesem besonderen Tag an euch denken, und das tut gut, oder? 

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